JagdSchweiz sucht Kinder: «Kinder in der Natur» ist Nachwuchswerbung im Tarnkleid
JagdSchweiz baut mit «Kinder in der Natur» einen Pool von Hobby-Jägern für Waldtage, Projektwochen und Schulunterricht auf. Was als Naturvermittlung verkauft wird, ist die nächste Stufe einer Rekrutierungsstrategie.
Der Dachverband JagdSchweiz baut einen Pool von Hobby-Jägern auf, die an Waldtagen, Projektwochen und im Schulunterricht auftreten sollen.
Was als Naturvermittlung verkauft wird, ist die nächste Stufe einer Rekrutierungsstrategie, die wir seit Jahren dokumentieren.
Ende Juli 2026 hat JagdSchweiz (ChasseSuisse, CacciaSvizzera, CatschaSvizra) auf Facebook ein neues Projekt lanciert: «Kinder in der Natur». Der Verband sucht «engagierte Jägerinnen und Jäger aus allen Regionen der Schweiz», die ihr Wissen an Kinder weitergeben. Die Einsatzorte nennt der Post selbst: Waldtag, Projektwoche, Schulunterricht, Ferienpass. Geboten werden eine Schulung von einem halben bis einem ganzen Tag, «hochwertiges Anschauungsmaterial» sowie fertige Ideen für Spiele, Aktivitäten und Unterrichtsmaterial. Man müsse «das Rad nicht neu erfinden».
Die Verpackung ist vertraut. Reh aus der Nähe, das abgeworfene Geweih des Hirschs, die Spuren von Fuchs und Dachs. Alles harmlos, alles kindgerecht. Doch mitten in dieser Aufzählung steht die eigentliche Botschaft: «Welche Aufgaben übernehmen Jägerinnen und Jäger eigentlich?» Genau an diesem Punkt kippt Naturpädagogik in Imagepflege. Es geht nicht darum, Kindern Wildtiere zu zeigen. Es geht darum, ihnen die Hobby-Jagd als selbstverständlichen, positiven Teil der Natur zu präsentieren, vermittelt durch jene Interessengruppe, die vom Nachwuchs und von gesellschaftlicher Akzeptanz unmittelbar profitiert.
Warum eine Interessengruppe keine neutrale Lehrperson ist
Der entscheidende Punkt ist die Interessenkollision. Hobby-Jäger haben keine pädagogische Berufung, und doch missionieren sie bis in die Grundschulen. Wer Kindern erklärt, «welche Aufgaben Hobby-Jäger übernehmen», tritt nicht als neutraler Naturvermittler auf, sondern als Werber in eigener Sache. Der Dachverband braucht Nachwuchs, und er braucht eine Gesellschaft, die das Töten von Wildtieren zum Vergnügen für normal hält. Ein Kind, das im Waldtag lernt, der Hobby-Jäger sei Heger und Pfleger, wird kaum je zum kritischen Erwachsenen, der diese Erzählung hinterfragt.
Für die sachliche Vermittlung heimischer Wildtiere braucht es keine Hobby-Jäger. Dafür gibt es Wildbiologinnen, Wildhüter, Förster und Naturschutzorganisationen, die kein Tötungsinteresse an ihrem Unterrichtsgegenstand haben. Dass ausgerechnet der Verband die Deutungshoheit über den Wald in den Klassenzimmern beansprucht, ist kein Zufall, sondern Programm.
Empathie wird verhandelbar gemacht
Erfahrenen Kinderpsychologen zufolge vermittelt die Jagd den Kindern gefährliche Werte. Den Kindern wird suggeriert, es sei richtig, die Gefühle, Bedürfnisse und Rechte anderer Lebewesen zu ignorieren, sobald Tradition, Hobby oder ein angeblicher «Hegeauftrag» ins Spiel kommen. Wer sich vor dem toten Reh scheut oder traurig wird, gilt schnell als überempfindlich. Das Kind lernt, dieses Mitgefühl zu unterdrücken, statt es ernst zu nehmen.
Genau davor warnt der UN-Kinderrechtsausschuss. Mit dem «General Comment 26», angenommen am 23. August 2023, hält das höchste internationale Gremium für die Rechte Minderjähriger fest, dass Kinder vor jeder Form physischer und psychischer Gewalt geschützt werden müssen, ausdrücklich auch vor dem Ausgesetztsein gegenüber Gewalt an Tieren. Studien belegen, dass Kinder durch das Erleben von Gewalt an Tieren in ihrem Empathievermögen negativ beeinflusst werden und diese Gewalt mit der Zeit als normal ansehen. Die Schweiz ist menschenrechtlich verpflichtet, Kinder davor zu schützen. Ein staatlich geduldetes Programm, das Hobby-Jäger in die Schulen holt, läuft dieser Pflicht direkt zuwider.
Die Reaktion aus der Bevölkerung ist eindeutig
Der Facebook-Post hat ein klares Echo ausgelöst. Die grosse Mehrheit der Kommentare lehnt das Projekt scharf ab. Eine Nutzerin bringt den Kern auf den Punkt: Kindern werde die eigene Entwicklung genommen, sich bei entsprechender Reife selbst für oder gegen die Jagd zu entscheiden. Die Botschaft an die Kinder lautet: «Empathie ist verhandelbar.» Andere sprechen von Indoktrination, von der Rekrutierung einer nächsten Generation von Tiertötern, von einem Widerspruch zum Schutz des Wolfs und der Beutegreifer. Der Tenor ist unmissverständlich: Lasst die Kinder in Ruhe.
Diese Ablehnung ist kein Zufall. Sie spiegelt ein gesellschaftliches Unbehagen, das der Verband mit immer neuen Imagekampagnen zu übertönen versucht.
Das gehört in ein grösseres Muster
«Kinder in der Natur» ist kein Ausrutscher, sondern die konsequente Fortsetzung einer Strategie. Seit geraumer Zeit betreiben jagdphile Kreise in Kindergärten und Schulen eine Imagekampagne mit dem Ziel, tierliebende Kinder an das Hobby heranzuführen. Die Manipulation erfolgt spielerisch und wird als Naturschutzprojekt beworben. Wir haben diese Muster in unserer Kampagne «Nein zum Unterricht durch Hobby-Jäger in Schulen» ausführlich belegt.
Wo die passive Vermittlung in aktive Teilnahme übergeht, wird aus der Imagepflege ein handfestes Kinderschutzproblem. Unsere Petition «Minderjährige auf der Hobby-Jagd bestrafen» fordert deshalb Strafen für Hobby-Jäger, die Kinder an Jagdtätigkeiten teilnehmen lassen. Beide Stossrichtungen greifen ineinander: erst die spielerische Gewöhnung im Klassenzimmer, dann die Teilnahme im Feld.
Wer tiefer einsteigen will, findet die psychologischen Hintergründe in unserem Dossier Psychologie der Jagd.
Unsere Einschätzung ist gerichtlich abgesichert
Dass wir den Verband JagdSchweiz so deutlich benennen, ist kein rhetorischer Übermut, sondern gerichtlich gedeckt. Der Verband hat versucht, unsere Berichterstattung mit einer Strafanzeige zum Schweigen zu bringen. Das Strafgericht des Kantons Tessin sprach wildbeimwild.com am 17. Juli 2020 in Bellinzona frei. Richter Siro Quadri kam nach der Beweisaufnahme zum Schluss, dass unsere Aussagen über den Verband keine Lügen und damit nicht verleumderisch sind. Das Urteil ist rechtskräftig. Auch vor dem Zivilgericht in Locarno blieb JagdSchweiz erfolglos.
Zu den Aussagen, die das Gericht als zulässige, faktenbasierte Kritik und nicht als Verleumdung eingestuft hat, gehören unter anderem folgende Einschätzungen der IG Wild beim Wild:
- Vorstandsmitglied und Nationalrat (CVP) Fabio Regazzi vom militanten Problemverein «Jagd Schweiz» setzte sich wiederholt für Praktiken ein, die wir als Tierquälerei betrachten. Vor kurzem wollte er sogar Widerhaken beim Angeln erneut salonfähig machen, scheiterte mit diesem Vorhaben aber deutlich.
- Wegen dieser Hobby-Jäger leiden Wildtiere in der Schweiz.
- Der Verein «JagdSchweiz» und andere fragwürdige Jägerverbände entstanden aus unserer Sicht in erster Linie, um vor allem gegen Beutegreifer wie Fuchs, Luchs, Wolf und Co., also ihre Beutekonkurrenten, vorgehen zu können. Das tun sie bis heute. Dies ist wohl ein Hauptgrund, weshalb den Hobby-Jägern aus allen Himmelsrichtungen Kritik entgegenschlägt.
- Der Verein Jagd Schweiz kultiviert nach unserer Einschätzung in erster Linie Respektlosigkeit und eine Gewaltkultur, genau das Gegenteil von dem, wonach ein kultivierter Mensch in unserer Gesellschaft streben sollte. Einzelne Hobby-Jäger drohen sogar mit einem Bürgerkrieg, sollte unter anderem die Fuchsjagd eingestellt werden.
- Mitglieder des Vereins Jagd Schweiz pflegen Beziehungen zu Vertretern der Macht im Allgemeinen. Zudem bedienen sich Funktionäre und Unterstützer nach unserer Beobachtung immer wieder Gewaltbildern oder anderer zur Einschüchterung geeigneter Mittel wie Angstmacherei, Lügenpropaganda und Jägerlatein, um Einfluss auf Politik, Medien, öffentliche Verwaltung, Justiz oder Wirtschaft zu nehmen.
- Aus Sicht der IG Wild beim Wild wird praktisch alles, was grausam, unnötig und herzlos ist, vom Verband Jagd Schweiz gefördert.
- Den Verantwortlichen ist dabei kein Aufwand zu gross, um demokratische Prozesse sowie Presse- und Meinungsfreiheit zu ihren Gunsten zu beeinflussen.
Der Freispruch stellt fest, dass harte, faktenbasierte Kritik an einem Verband wie JagdSchweiz rechtlich zulässig ist, solange sie auf nachvollziehbaren Tatsachen und öffentlichem Interesse beruht. Wer in politischen und gesellschaftlichen Debatten mitmischt, kann berechtigte Kritik nicht mit Anzeigen wegwischen. Genau deshalb dürfen wir festhalten: Ein Verband mit diesem Profil ist keine geeignete Instanz, um Kindern die Natur zu erklären. Wie JagdSchweiz agiert, ordnen wir laufend in unseren Kampagnen ein.
Was jetzt zu tun ist
Schulen, Lehrpersonen und Gemeinden sollten Angebote von JagdSchweiz und ihren regionalen Sektionen kritisch prüfen und ablehnen. Naturunterricht gehört in die Hände von Fachpersonen ohne Tötungsinteresse. Eltern haben das Recht zu erfahren, wer im Waldtag oder in der Projektwoche vor ihren Kindern steht und welche Interessen dahinterstehen.

